Der Zweite Umlauf

Jeder, der sich mit den letzten Jahren der Volksrepublik Polen befasst, denkt zwangsweise an das Phänomen von Solidarność und an die belebenden Impulse, die die Wahl des polnischen Papstes mit sich brachte. Kaum jemand untersucht eingehend ein weiteres Phänomen der 70-er und 80-er Jahre in Polen – den Zweiten Umlauf. Dieser Begriff steht für die in den Jahren 1976 – 1990 in der Volksrepublik Polen ohne Zustimmung des Zensurapparates gedruckten und inoffiziell verbreiteten Publikationen. Die Dimension dieses Phänomens ist – selbst für Historiker und Bibliografen, die sich dieser Thematik widmen – schwer zu erfassen.

Über dieses ausschließlich polnische Phänomen schrieb Jakub Karpiński: „Die Existenz von Untergrundzeitschriften und -Verlagen ist einer der größten Erfolge der Opposition während des Kriegsrechts und in den darauffolgenden Jahren. Diese Publikationen durchbrachen das Informationsmonopol des Staates. Das Wiedererlangen dieses Monopols gehörte zu den Hauptzielen des Kriegsrechts (…), dieses Ziel wurde allerdings nicht erreicht.“

14 Jahre des unabhängigen Verlagswesens bedeutete hunderte von im Untergrund tätigen Verlagen, ca. 6.000 Zeitschriftentitel und über 7.000 herausgegebene Bücher und Broschüren, hunderte von im Untergrund entstandenen Briefmarken, hundert Tausende Flugblätter, Plakate und Publikationen aus bestimmten Anlässen. Es bedeutete Tausende von Menschen, die für den Vertrieb sorgten,   Drucker und Redakteure, Herausgeber und „last but not least“ Leser. Das Verlagswesen bestand sowohl aus riesengroßen, landesweit agierenden Organisationen bzw.- Unternehmen als auch aus kleinen, von einer Person geleiteten, Manufakturen. Es bedeutete Bücher, ohne die man sich die polnische Kultur nicht vorstellen kann, Essays und Gedichte von Miłosz, Belletristik und „Tagebücher“ von Gombrowicz und Herling-Grudziński, Essays von Czapski, Romane von Konwicki und Kazimierz Brandys. Es waren Menschen, die parallel zu der Arbeit in ihren normalen Berufen – als Ärzte, Arbeiter, Bergleute, Lehrer, Studenten, Schüler, Krankenschwester, Rechtsanwälte viele Jahre lang ein doppeltes Leben geführt haben – ein Leben der Redakteure oder Drucker im Untergrund, Verteiler von illegalen Publikationen, Menschen, die Ladungen von Papier transportiert haben oder Druckausrüstung aus dem Westen schmuggelten.

Die Pioniere

Unter der kommunistischen Regierung in den Jahren 1944-1953 publizierte man neben Flugblättern einige hundert illegale Zeitungen, Broschüren und Bücher. Die Niederschlagung des bewaffneten Widerstandes Anfang der 50-er Jahre bedeutete gleichzeitig das Ende der unabhängigen Presse und des Verlagswesens. Die Ereignisse 1956 trugen nicht dazu bei, die Initiativen auf diesem Gebiet wiederaufzunehmen, auch wenn erwähnt werden muss, dass Kopien des geheimen Referats von Chruschtchow während des XX. Parteitages der KPdSU auf dem Różycki Markt in Warszawa gekauft werden konnten.

In den darauffolgenden Jahren kam es lediglich zu vereinzelten, schnell durch den Sicherheitsdienst gestoppten Versuchen, unabhängige Publikationen herauszubringen. Einer der Pioniere auf diesem Gebiet war Antoni Zambrowski, Sohn eines der Sekretäre der Vereinigten Arbeiterpartei Polens, der sich später der Opposition anschloss. Er bediente sich der Samizdat-Methode (Selbstverlag) auf der Schreibmaschine, um Sonderbulletins der Polnischen Presseagentur mit Informationen, die ausschließlich den Mitgliedern des Staatsapparates zugänglich waren, zu publizieren. Zu den weiteren Pionieren dieser Bewegung gehörte Piotr Jarosz, der 1967 im Alter von 14 Jahren gemeinsam mit einigen Kollegen die illegale Organisation Bund der Unabhängigen Polen gründete. Auf kleinen Spielzeug-Druckanlagen druckte er Flugblätter gegen die Wahl zum Sejm, ein Jahr darauf richteten sich weitere, von ihm verfasste Flugblätter gegen die sowjetische Intervention in der Tschechoslowakei. Das Jahr 1968 war ein Ausnahmejahr. Der Aufstand der Studenten im März – vor allem an der Universität in Warschau – fruchtete mit Entstehung von Tausenden von Flugblättern, die häufig per Hand abgeschrieben wurden. Als spontane Reaktion auf den Einmarsch der Truppen des Warschauer Paktes in der Tschechoslowakei entstanden weitere Tausende von Flugblättern. In technischer Hinsicht war ein von der späteren Mitarbeiterin des Komitees zur Verteidigung der Arbeiter, der vor einigen Jahren verstorbenen Boguslawa Blajfer, verfasstes Flugblatt. Als Vervielfältiger hat sie zum ersten Mal die Schleuder der damals populären Waschmaschine Frania benutzt. Es war eine epochale Entdeckung, die bewährte Waschmaschine diente noch einige Male zum Druck von illegalen Zeitschriften.

Aussichtsreich war der in den 60/70-er Jahren unternommene Versuch der geheimen Organisation „Ruch“, die es vor ihrer Verhaftung schaffte, 6 Ausgaben der Zeitschrift „Biuletyn“ /Bulletin und einige Nummer des „Informators“ herauszugeben. Ein weiteres Beispiel für eine außerhalb der Zensur erscheinende Veröffentlichung war die Herausgabe eines durch die Zensur nicht zugelassenen Gedichtbandes der zu der sog. „neuen Welle“ gehörenden Dichters Julian Kornhauer. Der Gedichtband wurde 1973 durch den jungen Schriftsteller Janusz Andermann auf einem Kopierer vervielfältigt. Bald darauf sollten sämtliche Werke der Vertreter dieser Dichter-Generation im Zweiten Umlauf, außerhalb der Zensur, erscheinen. Ein anderer Dichter dieser Generation, das zukünftige Mitglied des KOR – Stanislaw Barańczak publizierte 1974 sein auf der Schreibmaschine abgeschriebenes Gedichtband „Der künstliche Atem“.

Auch das Erscheinen der Zeitschrift „An der Schwelle“ außerhalb der Zensur im September 1976 (zu ihren Redakteuren gehörte Andrzej Czuma) bedeutete keinen Durchbruch. Eine Lawine von illegalen Publikationen lösten erst die fast gleichzeitig, Ende September 1976, entstandenen Zeitungen des KOR (Komitee zur Verteidigung der Arbeiter) aus. Es handelte sich um die Zeitungen: „Komunikat“ (redigiert von Anka Kowalska, Janusz Przewłocki und Andrzej Jastrzębski) und „Biuletyn informacyjny“ (redigiert u. a. von Seweryn Blumsztajn und Joanna Szczęsna) und den   im Januar 1977 entstandenen „Zapis“ (gegründet u. a. durch Jacek Bocheński) – eine literarische Zeitschrift, deren Redakteure und Autoren sich trauten, unter ihren Namen zu schreiben. Alle diese Zeitschriften, anfangs abgeschrieben auf der Schreibmaschine (nach dem Samizdat-Prinzip), danach vervielfältigt, unterschieden sich von „An der Schwelle“ dadurch, dass sie nicht länger anonym waren und ihre Leser nicht nur zu dem engen Kreis der Eingeweihten gehörten. Hinter ihnen stand das nach den Arbeiterprotesten im Juni 1976 gegründete KOR (Komitee zur Verteidigung der Arbeiter), dessen Mitglieder ihre Namen, Adressen und Telefonnummer im „Komunikat“ publizierten. Diese Offenheit erlaubte es, den Kreis der Mitarbeiter, Leser und Unterstützer   zu erweitern. Es verwundert nicht, dass die Mehrheit der Untergrundzeitschriften bald die Namen und Adressen der Redakteure veröffentlichte und viele der Autoren aufhörten, sich hinter Pseudonymen zu verstecken und ihre Texte mit Namen zu unterschrieben. Ähnlich war es während der über 1,5jährigen Existenz der legalisierten Gewerkschaft „Solidarność“, zwischen September 1980 und 13. Dezember 1981, als es zu einer Lawine der unabhängigen Presse und Publikationen – überwiegend veröffentlicht durch die Gewerkschaft selbst – kam. Das Kriegsrecht hat sich zur Aufgabe gestellt, den Umlauf der unabhängigen Gedanken und Informationen aufzuhalten, die Situation des unabhängigen Verlagswesens veränderte sich dadurch diametral. Repressalien gegen die Mitglieder des unabhängigen Verlagswesens zwangen sie zu einer Tätigkeit im Untergrund und somit zu Anonymität. Nicht nur die Drucker selbst sondern auch Redakteure und weitere Personen, die für das von der Zensur unabhängige Verlagswesen tätig waren, mussten im Untergrund arbeiten. Die Verfasser von Texten unterschrieben ihre Artikel nicht länger unter ihren eigenen Namen, nur die Autoren literarischer Texte unterschrieben ihre Artikel häufig selbst.

Von Juni bis Juni

Die 14 Jahre des unabhängigen Verlagswesens kann man in einige Phasen einteilen. Die erste Phase war die Zeitspanne 1976-1980, als sich sowohl die Strukturen der Opposition als auch die Strukturen des unabhängigen Verlagswesens etablierten. Den Durchbruch bedeutete das Jahr 1977. Damals entstand die Bewegung zur Verteidigung der Menschen- und Bürgerrechte (ROPCiO), die seine Zeitschrift „Opinia“/Die Meinung herausgab, danach erschien „Głos“/Die Stimme – eine politisch-gesellschaftliche Monatszeitschrift, eine an die nationalen Traditionen anknüpfende Zeitschrift der Jugend „Bratniak“, die zweiwöchentlich erscheinende Zeitschrift „Robotnik“/Der Arbeiter, die die Schirmherrschaft über die entstehenden freien Gewerkschaften in Polen übernahm sowie ein weiterer Literaturmagazin neben Zapis „Puls“, die junge Schriftsteller präsentierte und im Gegensatz zu der Quartalszeitschrift „Zapis“/Die Aufzeichnung Texte, die extra für den Zweiten Umlauf geschrieben wurden, publizierte. 1977 entstand in Lublin eine Zeitschrift der jungen Katholiken „Spotkania“/Begegnungen, darüber hinaus entstanden Studenten- und Bauernzeitschriften. 1977 ist auch das Erscheinungsjahr des ersten Verlags außerhalb der Zensur – des Unabhängigen Verlags NOWA. Die kommenden Jahre brachen weitere Zeitschriften und Verlage, die hauptsächlich in Warszawa entstanden sind, allerdings auch in anderen Städten wie Kraków, Poznań, sogar auf den Dörfern wie Zbrosza Duża, wo das Lokale Komitee der Selbstverteidigung (bei Pfarrer Czesław Sadłowski) zwei unabhängige Zeitschriften herausgab.

Einen Durchbruch bedeutete August 1980. Während der Streiks an der Lenin-Werft erschien das Streikinformationsbulletin von Solidarność, das nicht nur den Namen der entstehenden Gewerkschaft gab sondern auch als Modelltitel für eine ganze Verlagsbewegung in der Zeit von Solidarność galt. Der Unterzeichnung der Verträge im August folgte eine Lawine von Publikationen. Einer der Gründer des „Biuletyn“/Bulletin – Konrad Bieliński (Bibuła, Rzeczpospolita) sagte im Juni 2003: „Einer der ersten Schritte nach der Gründung der Gewerkschaft war die Gründung eines unabhängigen Bulletins in jedem einzelnen Betrieb“. Man schätzt, dass in der Zeit 1976-1980 ca. 100 Zeitschriften erschienen sind und 35 Verlage ca. 300 Bücher und Broschüren veröffentlicht haben. Während der fast 1,5 jährigen Periode der legalen Aktivität von Solidarność, die auch unter dem Namen „Karneval der Solidarność“ bekannt ist, waren ca. 160 Verlage aktiv, die ohne der Genehmigung der Zensur über 2.500 Positionen publizierten. In derselben Zeitspanne kann man bis zu 3.200 Titel von Zeitschriften verzeichnen. Sie unterlagen zwar nicht länger der Zensur, dennoch wurde ihr Großteil halb-legal in den Betrieben, auf der hauseigenen Ausrüstung, gedruckt.

Die Mehrheit dieser Publikationen hörte mit der Illegalität von „Solidarność“ auf zu existieren, da sie zu Vernichtung und Beschlagnahme von Druckgeräten und Festnahme der Redakteure, Drucker und Herausgeber nach dem 13.12.1981 führte. Die komplette Vernichtung der unabhängigen Herausgeberbewegung gelang dennoch nicht. Bereits im Dezember erschienen neben Flugblätter auch die ersten Untergrundzeitschriften: „Wiadomości“/Nachrichten in Warszawa (Fortsetzung von „Wiadomości Dnia“, die vor dem 13.12.1981 erschienen waren) und die den Charakter einer Presseagentur innehabende „Informacja Solidarnosci“ sowie „Z dnia na dzien“   in Wrocław. Im Januar entstanden solche Zeitschriften wie „Tygodnik Wojenny“, „KOS“ oder „Wola“, im Februar folgte die wichtigste Publikation der Untergrund-Solidarność „Tygodnik Mazowsze“. Bei den meisten Publikationen handelte es sich um informative Publizistik, bald entstanden auch andere Zeitschriften wie die literarische Zeitung „Wezwanie“ oder eine Zeitung über die Malerei „Szkice“. Es entstanden auch weitere Untergrundveröffentlichungen wie z. B. CDN oder der der Literatur gewidmete Przedświt. Im Untergrund entstanden auch Tonbandkassetten und Filme, man realisierte und vervielfältigte Untergrundfilme, es entstand das Untergrundradio „S“, es gab sogar einen Untergrundfernsehsender. Jeder gehörte zu den Herausgebern – jede Organisation, politische Option, Vertreter fast aller Berufe, Einzelpersonen. Zeitschriften und Publikationen entstanden sogar in Internierungszentren, wo man die verhafteten Solidarność-Mitglieder festhielt. Ein Teil der Publikationen wurde per Hand abgeschrieben, manchmal bediente man sich einfacher Vervielfältigungstechniken. In einem der Internierungszentren funktionierte sogar ein Untergrundradio.

Der Untergrund hatte auch seine Beststeller, dazu gehörten z. B. die historischen Romane von Norman Davies oder auch die extra für den im zweiten Umlauf arbeitenden Verlage geschriebenen Reportagen über die Führer der Untergrund-Solidarność, eine Interviewreihe mit polnischen Stalinisten „Sie“ von Teresa Torańska, ein Kinderbuch „Mikołajek in der Schule der Volksrepublik Polen“ von Maryna Miklaszewska oder der Comics „Solidarność – die ersten 500 Tage“.

Die Vielfalt war groß. Es gab alles, von der informativen Presse über die politische, historische oder gesellschaftliche Publizistik, Literatur-, Wirtschafts-, Kunst-, Wissenschafts-, Philosophiezeitschriften. Es gab satirische Zeitungen, es gab Zeitungen für Schüler und Kinder, für Lehrer und Ärzte, es gab viele Zeitungen, die sich mit dem sozialistischen Lager und der Kirche befassten, allerdings auch antiklerikale Zeitungen. Und die meisten Veröffentlichungen – waren antikommunistisch.

Die großen und die kleinen Drucker

Bereits am Anfang des Kriegsrechts erschien in der offiziell erscheinenden Zeitschrift für Kinder im Kindergartenalter „Miś“ eine außergewöhnliche Presse-Beilage. Sie trug den Titel „Der kleine Drucker“ und enthielt Hinweise, wie man eine kleine Druckerei aus einer Fadenrolle basteln kann. Diese Ausgabe hat insbesondere die Erwachsenen erfreut, die sofort den von der Zensur nicht verstandenen Witz der Redakteure erkannten, die Ausgabe wurde sofort vergriffen. Diese Anekdote illustriert nicht nur die allgemeine Einstellung der polnischen Gesellschaft sondern auch eine andere Tatsache. Sie zeigt, was die polnischen Druckerzeugnisse aus dem Untergrund von ähnlichen Dokumenten in anderen Ländern des Ostblocks unterscheidet. In Polen wird sogar die primitivste Technik verwendet. Wie es einer der im Untergrund tätigen Drucker sagte, haben die Polen auf allem gedruckt. Diese Erzeugnisse waren zwar von schlechter Qualität, sie wurden dennoch gedruckt, was sie deutlich von dem russischen Samizdat unterscheidet.

Die Anwendung von Technik im größtmöglichen Ausmaß führte dazu, dass unabhängige Verlage und Zeitschriften sich mit der Zeit in mächtige, geheime Unternehmen, die einige hundert Leute beschäftigten, ausgerüstet mit der nötigen technischen und organisatorischen Ausrüstung, verwandelten. Dazu gehörten: Buchhalter, Kolporteure, Drucker, Vertriebsleiter, Redakteure, Autoren und Übersetzer (einige davon übersetzten ausschließlich für die im Untergrund tätigen Verlage), Grafiker, die das Deckblatt gestalteten, man besaß auch die nötigen Lagerräume für die Ausrüstung, es gab Fahrer und manchmal extra für unabhängige Firmen gekaufte Autos sowie Räume, die teilweise angemietet wurden, manchmal fiktiv, ohne die Besitzer davon in Kenntnis zu setzen, was in ihrer Wohnung passiert. Darüber hinaus gab es Werkstätten und Fachleute, die die Ausrüstung reparierten oder produzierten bzw.- manche zum Druck nötigen Materialien vorbereiteten wie z. B. Chemiker, die die lichtempfindliche Emulsion für Siebdruck vorbereitet haben. Während des Kriegsrechts, als vielen Oppositionellen Internierung oder Gefängnis drohte, gab es auch Räume die als Versteck dienten, Räume, also gleichzeitig auch Organisatoren und Netzwerke von Personen, die nach solchen aus Sicherheitsgründen häufig gewechselten Räumen gesucht haben. Man benötigte Menschen, die Ausrüstung und Drucksachen aus dem Ausland brachten und die illegal erscheinenden Publikationen ins Ausland schmuggelten – man brauchte Vertreter – Koordinatoren, die sich um die aus dem Westen kommende Hilfe kümmerten, die außerhalb des Landes aktiv waren, man brauchte allerdings auch Leute, die im Lande selbst solche Zentren beaufsichtigten.

Der Ideenreichtum und der Unternehmergeist der Organisatoren des illegalen Drucks beschränkten sich nicht auf die Verbesserung der Ausrüstung und der Technik. Zu den häufigen Methoden gehörte das illegale Drucken in den staatlichen Druckereien (so erschien z. B. das ganze Werk von Gombrowicz und in den 70-er Jahren das Werk von Krzysztof Wyszkowski). Auf diese Art erschienen Publikationen, die qualitätsmäßig den offiziellen Verlagen nahestanden. Ende der 80-er Jahre konnten die illegalen Publikationen fast ohne Angst vor den Hochschulen gekauft werden, abgesehen davon, dass einige Studenten die illegalen Zeitschriften in der Tasche so trugen, dass sie gesehen und bewundert (vor allem von Frauen) werden konnten.

Die bekannten „unbekannten Täter“

Während der Ära von Gierek führten die wirtschaftliche Lage des Landes und der Druck des Westens auf Polen dazu, dass die Opposition und die Beachtung der Menschenrechte weitgehend von der Regierung toleriert wurden. Dies galt auch für die unabhängigen Publikationen. Die 70-er Jahre waren ein Katz und Maus Spiel, die Repressalien gegenüber der im Untergrund tätigen Oppositionellen beschränkten sich hauptsächlich auf Revisionen, Festnahmen für 48 Stunden sowie die Beschlagnahmung von Druckerausrüstung und der bereits gedruckten Publikationen. Noch milder hat man die Untergrund-Herausgeber in den Zeiten der legalen Solidarność behandelt. Erst nach der Einführung des Kriegsrechts musste jeder, der die illegale Presse oder Bücher herausbrachte mit Repressalien rechnen. Internierung, mehrjährige Gefängnisurteile, Verhandlungen vor Gericht und hohe Geldstrafen gehörten zu der Tagesordnung. Es gab auch Schlägereien, Entführungen sogar Morde, die von bekannten „unbekannten“ Tätern“ (aus dem Sicherheitsdienst) durchgeführt wurden.

Es gab allerdings auch subtile Methoden, die die einzelnen Oppositionellen oder auch die illegalen Organisationen, die Untergrundzeitschriften herausgaben, diskreditieren sollten. Dazu gehörten gefälschte Publikationen. Die erste erschien bereits einen Monat nach der Entstehung von ersten Zeitungen außerhalb der Zensur. Mit dem Datum 25. Oktober 1976 erschien die von dem Sicherheitsdienst „verfasste“ Version der dritten Ausgabe des „Komunikat KOR“. Dessen Inhalt wurde so manipuliert, dass die Aktivitäten der Organisation zum Schutz des Arbeiters diskreditiert wurden. Besonders viele Fälschungen waren in den achtziger Jahren im Umlauf. Am häufigsten betraf es das Organ der Landeskommission der Gewerkschaft Tygodnik Mazowsze. Eine Merkwürdigkeit ist die Entstehung einer Zeitschrift, die gänzlich durch den Sicherheitsdienst verfasst wurde. Es handelte sich um die Monatszeitschrift „Bez Dyktatu“/Ohne Diktat, die von Eligiusz Naszkowski, einem Mitglied der Solidarność und gleichzeitig Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes   redigiert wurde. Der Ton der dort verfassten Artikel weckte jedoch bei den Lesern den Verdacht, dass jemand anders hinter den Publikationen steht. Auch diese Fälschung hat keinen Erfolg gehabt. Die Publikationen des Sicherheitsdienstes hatten zu häufig eine … zu gute Qualität. Das Papier war zu gut für jemanden, der die Probleme des Untergrunds mit der Ausrüstung, Papier, Qualität des Drucks kannte, es war ein Signal, dass man diese Publikation näher unter die Lupe nehmen sollte.

Konspiration

Jan Walc, Redakteur des im Untergrund erscheinenden „Biuletyn informacyjny“ und Drucker des Unabhängigen Verlags, publizierte noch vor August 1980 eine Reportage über die Arbeit in einer unabhängigen Druckerei: „Zenek ruft an und sagt, dass er mich am Montag um 11.00 treffen möchte. Wenn man denkt, dass das Treffen erst in drei Tagen stattfindet, irrt man sich. Es geht nur darum, dass der die Gespräche abhörende Offizier der Staatssicherheit über das Treffen am Montag Bescheid weiß. Wir wissen nicht, ob er auch weiß mit wem ich mich treffen werde. Ich erkenne Zenek an der Stimme. Im Gegensatz zu dem abhörenden Offizier weiß ich, dass wir am Samstag um 9.00 Uhr im Cafe „Wiklina“ verabredet sind – man muss stets zwei Tage von dem vereinbarten Termin abziehen, es bleibt immer derselbe Ort. Ich muss noch eine Tasche mit der unentbehrlichen Druckausrüstung einpacken (…) und für die nächste Woche aus dem Leben verschwinden. Es ist wichtig, dass man am Telefon keine Treffen absagt, noch besser wäre es, den Offizier daran zu erinnern, dass ich mich mit jemand für Montag elf Uhr verabredet habe. Kontakt mit dem Offizier aufzunehmen ist einfach: es reicht, einen der Freunde – Kuroń, Michnik oder die Romaszewskis anzurufen und zu sagen, dass (…) ich versuchen werde, am Montag vorbeizukommen…“

In den ersten Jahren waren die Aktivitäten der unabhängigen Verleger nicht besonders konspirativ. Erst das Kriegsrecht, die damit verbundene Verschärfung von Repressalien und Kontrolle auf fast allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens zwang die Akteure dazu, sich der bewährten Methoden zu bedienen. Es erschienen Pseudonyme, Blumentöpfe auf den Fensterbänken, die informierten, dass die Räume nicht länger sicher sind, es erschienen verschiedene Parolen und Kodierungschiffren. Einmal hat eine Frau Professor in einem renommierten Wissenschaftsinstitut im Beisein von einigen verwunderten Personen folgendes Gespräch mit einer anderen Frau Professor geführt: – Dem Hund muss auf jeden Fall der Schwanz abgeschnitten werden! – verlange sie. Es ging dabei höchstwahrscheinlich um ein konspiratives Treffen mit dem Publizisten Stefan Bratkowski. Die Forderung, dem Hund den Schwanz abzuschneiden, bedeutete das Erscheinen des Redakteurs ohne den ihn ständig begleitenden Stab von Sicherheitsbeamten im Schlepptau.

Die Autoren bedienten sich einer absurden, an Volksmärchen erinnernden Methode, indem unter ihren Publikationen die Bemerkung erschien: „herausgegeben ohne das Wissen und die Zustimmung des Autors“. Es ist mir zwar nicht bekannt, dass durch diese Klausel jemand vor den Repressalien geschützt wurde, man hielt dennoch daran fest. Es entstanden auch komische Situationen: der britische Historiker Norman Davies erinnert sich daran, dass er gefragt wurde, einem Untergrundverlag die Zustimmung zum Druck eines seiner Bücher zu erteilen, um schließlich die Klausel zu setzen: „herausgegeben ohne das Wissen und die Zustimmung des Autors“. Höchstwahrscheinlich die einzige Person, die dieser Regel widersprochen hat und in seinen Publikationen schrieb: „herausgegeben mit Wissen und Zustimmung des Autors“ war der Dichter und Prosaiker Antoni Pawlak.

Menschen, also kein Abitur

Szczepan Rudka, Autor einer Monografie über die illegale Presse in Wroclaw schrieb, dass man in den meisten Fällen durch Zufall zum Autor einer Untergrundzeitschrift wurde. Man muss ihm Recht geben, obwohl es im Untergrund bereits in den 70-er Jahren auch Professionalsten gab. Die Beweggründe für das Redigieren, das Drucken oder den Vertrieb von Zeitungen waren unterschiedlich. Angefangen mit den patriotischen oder politischen (den Kommunisten eins auszuwischen) bis zu Liebe zu den Büchern (wie im Fall des bekannten Buchhändlers Czeslaw Apiecionek oder des Redakteur von „Biuletyn Informacyjny“ KOR, Przemyslaw Cieslak.

Ganz anders war die Lage nach August (1980), um sich allerdings nach der Einführung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 zu wiederholen. Die Zeit dazwischen war die Zeit des allgemeinen Aufbruchs, jeder, der schreiben und lesen konnte und Lust dazu hatte wurde zum Redakteur. Im Kommunismus gab es ein Sprichwort: „Nur durch deinen eigenen Willen und nicht durch Abitur kannst du Offizier werden“. So scherzte man über die bei uns herrschende kommunistische Ordnung, wo nach den Ideen von Lenin das Land auch durch eine Putzfrau regiert werden konnte. Diese Einstellung sollte sich zwar in der Regierung selbst nicht bewahrheiten, sie traf allerdings auf den Zweiten Umlauf zu: wo Putzfrauen, Arbeiter, Landwirte, Studenten, Juristen, Künstler, Fischer oder Matrosen von Tag zu Tag zu Redakteuren, Vertreiber, Leiter oder Chefredakteuren einer Untergrundzeitschrift wurden.

Jan Strękowski

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