Die deutsch-polnischen Beziehungen

Offiziell betrachtet waren die Beziehungen zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Volksrepublik Polen partnerschaftlich und freundschaftlich. Tatsächlich waren sie auf der Staatsebene in den 80-er Jahren gut, obwohl – was erwähnt werden soll – der I Sekretär des Zentralkomitees der Vereinigten Arbeiterpartei Polens Stanislaw Kania keine Sympathie bei der DDR-Regierung unter der Führung Erich Honeckers genoss. Der Grund dafür war seine gemäßigte Politik gegenüber den konterrevolutionären Kräften im Lande, für die die deutschen Genossen „Solidarność“ gehalten haben. Trotz Beschränkungen im Grenzverkehr zwischen Polen und der DDR nach der Entstehung der Gewerkschaft, waren die Kontakte auf der Partei- und Staatsebene lebhaft. Unsere östlichen Nachbarn sprachen lieber mit den Hardlinern in der Partei und sahen in ihnen Nachfolger des für sie viel zu nachgiebigen I Sekretärs. Die DDR-Regierung half der polnischen Regierung nach der Einführung des Kriegsrechts – diese Hilfe beschränkte sich nicht nur auf die Lieferung der für das Auseinandertreiben von Demonstrationen nötigen Ausrüstung, sie lieferte darüber hinaus die in Polen damals nicht im Handel käuflichen (oder nur schwer zu erwerben) Waren wie Alkohol oder Zigaretten. Auf den guten Beziehungen zwischen beiden Regierungen legte sich ein Schatten in Gestalt eines Grenzkonflikts um ein Wassergebiet in der Pommerschen Bucht, der in der zweiten Hälfte der 80-er Jahre an Schärfe gewann und erst mit der Unterzeichnung eines Abkommens zwischen beiden Ländern im Mai 1989 endete.

Die Beziehungen zwischen Polen und der Bundesrepublik Deutschland waren komplizierter. Die Regierung der Volksrepublik Polen betrachtete Westdeutschland trotz einer sichtbaren Verbesserung von Beziehungen in den 70-er Jahren als einen ihrer Hauptfeinde (neben den USA). Die gemäßigte Position der bundesdeutschen Regierung während des „Karnevals der Solidarność“ und der Einführung des Kriegsrechts änderte nichts an dieser Tatsache. Die damals regierenden Sozialdemokraten torpedierten die Pläne der Einführung von Sanktionen gegen Polen und Sowjetrepublik, da sich diese gegen ihre eigenen Interessen richteten und deren Einführung zu einem niedrigerem Handelsaustausch und zu einer wahrscheinlichen Bankrotterklärung der polnischen Wirtschaft führen konnte. Sie folgten auch nicht dem Prinzip des diplomatischen Boykotts, wovon beispielsweise ein zweitägiger Besuch des stellvertretenden Ministerpräsidenten Mieczyslaw Rakowski in Bonn Ende Dezember 1981 zeugt. Die Führer der Volksrepublik Polen versuchten diese gemäßigte Verhaltensweise der westdeutschen Regierung für sich auszunutzen, was sie allerdings nicht daran hinderte, den westdeutschen Politikern bösen Willen zu unterstellen. Bonn hat die Politik zweier Strategien betrieben, einerseits förderte man gute Kontakte zu der Obrigkeit der Volksrepublik Polen, andererseits gab es inoffizielle Gesten unter der Adresse von „Solidarność“, die den Regierenden in Warschau nicht gefallen konnten. Als Antwort auf diese Gesten hat man nach der Verleihung des Nobel-Preises an Lech Wałęsa 1983, dessen Kandidatur der Bundestag unterstützte, anti-deutsche Propaganda in die Wege geleitet, darüber hinaus hat man auch Einreisebestimmungen für die westdeutschen Journalisten verschärft und (für einige Wochen) Zensur für westdeutsche Filme und Lieder eingeführt. In dieser Propaganda , insbesondere am Anfang 1983, als in der BRD die Christdemokraten an der Macht waren, wurden die deutschen Staaten in den Bösen – die Revanchisten, die nach Wiedererlangung von Gdansk, Szczecin und Wroclaw lechzten und den Guten – die DDR – eingeteilt, diese Einteilung trug selbstverständlich nicht zur Verbesserung der Beziehungen zwischen der BRD und Volksrepublik Polen bei. Die Tatsache, dass die bundesdeutsche Regierung nicht auf Distanz zu Landsmannschaften ging, führte zu einem Fiasko des Besuchs von Hans-Dietrich Genscher in Polen in 1984. Der Besuch kam erst 1985 zustande. Trotz einer sichtbaren Belebung der diplomatischen Beziehungen waren die Aktivitäten des Vertriebenenbundes stets ein Dorn im Auge der polnischen Regierung. Diese (für die Polen viel zu weit gehende) Unterstützung für den Vertriebenenbund einerseits und verstärkte Kontakte der Vereinigten Arbeiterpartei Polens zu der oppositionellen SPD gehörten zu wesentlichen Hindernissen in den deutsch-polnischen Beziehungen. Erst die Jahre 1988-1989 (insbesondere während der Regierung von Mieczysław Rakowski) bedeuteten eine deutliche Belebung von Kontakten auf der Staatsebene. Die Nachgiebigkeit Bonns förderte diese Kontakte. Im Ergebnis kam es Ende 1989 zu einem Besuch des Kanzlers der Bundesrepublik Deutschland Helmut Kohl in Polen, 1990 wurde ein Vertrag zwischen dem bereits wiedervereinigten Deutschland und der Volksrepublik Polen unterschrieben, der die Westgrenze Polens bestätigte.

Ein besonderer Aspekt waren die inoffiziellen, zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Bundesrepublik Deutschland half Polen während des Kriegsrechts mit humanitären Hilfe (bei der Unterstützung der Regierung, die Postgebühren für Pakete aufgehoben hat), indem sie Millionen von Paketen mit Lebensmitteln, Medikamenten usw. lieferte. Der Wert dieser Waren wurde während drei Jahre auf über 300 Millionen DM geschätzt. Das trug dazu bei, dass die antideutschen Ressentiments teilweise in den Schatten gedrängt wurden, insbesondere da sich unter den Absendern viele ehemalige Bewohner Schlesiens, Pommerns und Masuren befanden. Am Rande bemerkt – auch die Bewohner der DDR haben der polnischen Bevölkerung mit Paketen geholfen – diese Aktion hatte dennoch eine wesentlich kleinere Dimension. Polen wurde andererseits im Herbst 1989 zu einem buchstäblichen „Fenster zur Welt“ für Tausende DDR-Bürger, die versucht haben, in die Bundesrepublik Deutschland (damals noch hinter der Mauer) zu gelangen. Die Flüchtlinge konnten auf Willkommensgeste der polnischen Bevölkerung zählen, die ihnen Butterbrote brachte und sie in ihre Häuser einlud. Man könnte sogar die Vermutung äußern, dass die Verbesserung der zwischenmenschlichen Beziehungen der Verbesserung der politischen Beziehungen beider Länder voranging.

Grzegorz Majchrzak