Humanitäre Hilfe aus Deutschland

Dr. Krystyna Cieślak-Graef ist Ärztin. Sie absolvierte die Medizinische Universität in Łódź. Während eines Stipendiums in den USA lernte sie einen deutschen Arzt kennen, dem sie nach Frankfurt/Main folgte. Dort eröffnete sie ihre eigene Praxis für Kinderheilkunde. Bereits 6 Wochen nach der Einführung des Kriegsrechts in Polen kam sie in unser Land mit einem großen Transport mit humanitärer Hilfe. Sie war die erste, die es getan hat. Sie brachte viele Tonen von Medikamenten, Hygienemitteln und Pulvermilch von höchster Qualität. Danach kam sie fast monatlich aus Deutschland nach Polen mit Konvois von LKWs. Manchmal waren es sogar 30 Wagen! An den Grenzübergängen hingen ihre Fotos mit Lech Wałęsa, wodurch die Zöllner vor ihr „gewarnt“ werden sollten. In Deutschland wurde sie zu „Frau des Jahres“ gekürt. In Polen erhielt sie den Titel der Ehrenbürgerin der Stadt Łódź. Seit einigen Jahren bringt sie medizinische Ausrüstung in die Länder der Dritten Welt.

Dieses Gespräch wird 20 Jahre später in einem Ort in der Nähe von Warschau geführt. Es findet in dem Haus von Frau Hanna Kassyanowicz-Pawłowicz, die während des Kriegsrechts ein Hilfezentrum bei der Caritativen Kommission des Polnischen Episkopats führte, statt. Dorthin kamen die Hilfsmitteltransporte von Dr. Krystyna Cieślak-Graef an. Die beiden Frauen haben sich durch die Transporte kennengelernt und angefreundet (sie besuchen sich bei heute häufig). Es ist eigentlich gar kein Gespräch, sondern eher eine Aufzeichnung von Erinnerungen, Ereignissen und Bildern, an die sich Frau Krystyna erinnert. Die journalistischen Aspekte werden hier außer Acht gelassen. Ich möchte auch erwähnen, dass ich meine Gesprächspartnerin häufig zur Fortsetzung ihrer Erzählung animieren musste, sie gehört nämlich nicht zu den Personen, die sich selbst in der Heldenrolle sehen möchte. Obwohl sie etwas ganz Besonderes geleistet hat, hält sie die Bereitschaft, Hilfe zu leisten, für etwas ganz Selbstverständliches und Natürliches.

„Mit Milch nach Łódź“

Alles fing im Sommer 1981, noch vor der Einführung des Kriegsrechts, mit einem Kinderkrankenhaus in Łódź an. Eine dort als Kinderärztin arbeitete Studienkollegin schrieb in einem Brief an sie nach Frankfurt, dass das Krankenhaus keine Nahrung für Kinder und kein Gram Pulvermilch hat.

„Durch diesen Brief konnte ich einige Nächte lang nicht schlafen“ – erinnert sich Frau Krystyna – „bis ich mir sagte – ich muss etwas unternehmen, sonst wird sich niemand darum kümmern. Es wird wohl Mai gewesen sein, es geschah das Attentat auf den Papst und mein Geburtstag näherte sich. Zum Geburtstag habe ich sehr viele Gäste eingeladen und auf ihre Frage nach einem Geburtstagsgeschenk (Blumen oder etwas Anderes?) sagte ich, dass ich einen Hut hinstellen werde, und die Gäste bitte, einen Groschen reinwerfen, da ich dieses Geld für Pulvermilch für Kinder in Polen brauche. So habe ich während meines Geburtstages die ersten 1.000 Dollar gesammelt. Danach ging ich zu meinem Apotheker, um mich zu erkundigen, wo ich Pulvermilch in größeren Mengen kaufen konnte. Er sagte mir, dass es kein Problem sei und er meine Aktion mit weiteren 1.000 Dollar unterstützen möchte. Ich solle mich an Milupa wenden, die Firma gab mir ein unglaubliches Rabat, so dass ich für diese ersten zwei Tausend Dollar die erste Tone Milch kaufen konnte.

Wie sollte ich es nach Łódź transportieren? Ich ging zu der Autovermietungsfirma Elt und fragte dort nach einem LKW. Dort sagte man mir, dass ich den Wagen für drei Tage haben konnte und dass es gar nichts kostete. Alles war auf einmal so einfach – ein kostenloses Auto, das Geld des Apothekers und meiner Geburtstagsgäste… Es war so ermutigend, es musste einfach getan werden. Ich fuhr mit dem ersten Transport nach Polen. Es war wohl Juni, unterwegs hörte ich im Radio, dass Kardinal Wyszyński gestorben sei. Ich war selbstverständlich nicht alleine unterwegs, es halfen mir zwei weitere Personen und als wir im Janusz Korczak-Kinderkrankenhaus in Łódź ankamen, habe ich durch die Konfrontation mit der Realität verstanden wie sehr unsere Hilfe gebraucht wurde. Das, was ich dort gesehen habe, gab mir so viel Mut, dass ich nach meiner Rückkehr nach Deutschland mit verstärkter Kraft versuchte, mehr Geld zu sammeln. 4 Wochen später habe ich einen weiteren Transport vorbereitet, es waren drei LKWs mit Waschpulver und Pulvermilch.

Man darf nicht schweigen, wenn man Polen helfen will!

Selbstverständlich musste ich in Erfahrung bringen, wie diese Aktionen in Deutschland formell zu behandeln sind und ob ich die Vorschriften des Finanzamtes nicht verletze. Ich gehörte doch keiner Vereinigung, keiner Organisation und hatte Angst, dass man mich der Geldmacherei   und des Strebens nach Gewinn verdächtigen wird. Ich fing an, nach jemanden für die Buchhaltung zu suchen und wandte mich an die Gesellschaft für Menschenrechte, die ganz spontan beschloss, mich zu unterstützen und sämtliche finanziellen Angelegenheiten, von denen ich keine Ahnung hatte, zu führen. Die Gesellschaft wollte mich zwar vereinnahmen, ich habe dennoch stets betont, dass ich mit ihr nur zusammenarbeite. Die deutsche Presse hat es respektiert, in allen Artikeln wurde erwähnt, dass ich die Transporte in Kooperation mit der Gesellschaft für Menschenrechte durchführe.

Ich habe diese Unabhängigkeit stets betont, um so für verschiedene politische Ansichten und Strömungen offen sein zu können. Sowohl die Gesellschaft wie auch die Presse sorgten für eine große Reklame für mich, sodass ich bald Transporte für Millionen von DM in die Wege leiten konnte. Ich habe unentgeltlich Adressen aller Ärzte, Apotheker und Rechtsanwälte in Deutschland erhalten; die Presse, das Fernsehen und Radio machten Interviews mit mir. Es gab z. B. in Bonn ein Forum über Polen, ich kann mich daran kaum erinnern, aber ein Satz, den ich während des Forums gesagt habe, wurde in den Schlagzeilen aller Zeitungen zitiert: „Man darf nicht schweigen, wenn man Polen helfen will!“

Die Transporte gingen also fast je vier Wochen nach Polen, der erste im Juni, der zweite im Juli, der dritte im September… Anfangs fuhr ich nur nach Łódź, als die Aktion immer bekannter wurde schlossen sich mir andere Gruppen und Städte aus Deutschland mit einer Ladung oder einem LKW mit eigenen Leuten an. Häufig wollte eine Organisation, dass ein Transport oder ein LKW zu einer konkreten Stadt fuhr, nach Wrocław, Warszawa, Gdańsk oder Lublin, manchmal hatte es politische Gründe.

Es hat sich herausgestellt, dass es keine humanitäre Hilfe ohne Politik gibt, d. h. wohin auch immer man sich wendet wird man zwangsweise eine politische Position einnehmen müssen. So fingen auch zahlreiche Journalisten als LKW-Fahrer in den Konvois zu fahren, um auf diese Art nach Polen zu gelangen und irgendwelche Kontakte zu Politikern oder anderen Journalisten zu knüpfen, um aufschreiben und aufzeichnen zu können, was sie dort gesehen haben. Selbstverständlich haben sie ihre Publikationen in der Weltpresse unter Pseudonymen geschrieben, so dass man nicht erfahren konnte, wer unter den LKW-Fahrern ein Journalist war. Diese Journalisten waren zahlreich und auf diese Art konnten verschiedene Artikel und Reportagen in den westlichen Medien erscheinen.

Ich glaube, dass ich mit dem letzten Transport vor dem Kriegsrecht am 09. Dezember nach Polen unterwegs war. Bereits hinter der Grenze sahen wir Panzerautos auf den Straßen. Als wir während der Tankpausen an den Tankstellen mit Menschen sprachen, deuteten sie etwas an. Wir hielten in Wrocław – bei der „Kämpfenden Solidarność“ an, danach ging es nach Łódź und nach Warszawa. Dort habe ich mit „Solidarność“, ich glaube in ihrem Sitz in der Mazowiecka Str. die Angelegenheit der Lieferungen von Medikamenten besprochen, ich glaube auch, irgendein Dokument unterschrieben zu haben. Geld dafür war bereits vorhanden, „Solidarność“ sollte eine Anlaufstelle für Post und Medikamente einrichten, wo Menschen aus dem ganzen Land ihre Rezepte reinwerfen konnten. Ich hatte bereits einen Vertrag mit der Lufthansa in der Tasche, Lufthansa verpflichtete sich, täglich 80 kg Medikamente zu transportieren. Die Rezepte sollten von einem Journalisten nach Bonn per Fax übermittelt werden und dann zu mir gelangen. Ich habe mich verpflichtet, unabhängig von den LKW-Transporten für die Medikamentenlieferungen zu sorgen und sie zu finanzieren. Ich kann mich daran erinnern, dass während dieses Gesprächs mein junger Gesprächspartner ständig rein- und rausgegangen ist. Ich fragte ihn, was los sei und er antwortete, dass es Bewegungen des Militärs gebe. Es war am 11. Dezember. Ich fragte ihn: „Was werdet ihr machen? „ Er antwortete: „Wir sitzen hier wie auf einem Pulverfass.“

Wir wollten noch zu Abendbrot essen, aber die Polen sagten uns, dass wir schnellstmöglich Richtung Grenze fahren sollten. Wir fuhren zurück über Poznań, unterwegs standen Panzerwagen, ich hatte dennoch keine Ahnung, was los war. An der Grenze waren wir gegen Mitternacht angekommen. Der Ton der Zöllner war anders, man schikanierte uns. Es war die Nacht vom 12-ten auf den 13-ten Dezember. Als wir später, bereits in der DDR, das Radio anmachten, hörten wir von der Einführung des Kriegsrechts in Polen.

 

„Ich musste mich nackt ausziehen“

Diese Transporte waren wirklich riesig, in einem Konvoi fuhren manchmal bis zu 30 LKWs. Wir brachten viele verschiedene Sachen mit, außer Medikamenten und Pulvermilch gab es Hygienemittel, Windeln, Dosen, Papier usw. Es waren stets neue, originelle Waren, die man einfach kaufte und transportierte. Interessant ist auch, dass vor der Einführung des Kriegsrechts, als in Polen Tauwetter herrschte, es die DDR-Zöllner waren, die uns furchtbar kontrolliert hatten – sowohl auf ihrem eigenen Gebiet wie auch bei der Ausreise aus Polen. Jeden einzelnen LKW mussten wir ausladen und diese 7-8 Tonnen Waren mit eigenen Händen in einen extra Raum bringen, wo sie mit Röntgengeräten untersucht wurden. Danach mussten wir alles wieder zurück in die LKWs bringen. Einen LKW bedienten nur 2 Menschen, mit mehr waren die polnischen Behörden nicht einverstanden, so dass man niemanden um Hilfe bitten konnte, weil jeder von uns seine eigenen 7,5 Tonnen ein- und ausladen musste. Die Zöllner ließ es kalt, die DDR hat uns wie die Pest behandelt, wir durften die Autobahn nicht verlassen, unsere Fahrzeit wurde kontrolliert. An den Grenzübergängen hingen Plakate mit meinem Namen und meinem Foto mit Lech Wałęsa, die fast wie Steckbriefe aussahen. Sehr unangenehm war auch die Leibesvisitation, ich musste mich nackt ausziehen und jede Kleinigkeit wurde untersucht – die Puderdose, die Schminke. Man kann das alles wirklich aushalten, es ist allerdings furchtbar – nachts im Winter, wenn es sehr kalt ist. Auch meine Tochter, die damals in Kraków studierte, wurde schikaniert, unterwegs nach Frankfurt holte man sie aus dem Zug oder aus dem Auto raus und kontrollierte gründlich, nur weil sie denselben Namen wie ich trug.

Gute Laune verließ uns dennoch nicht, wir waren doch eine eingeschworene Gruppe, da häufig dieselben Leute unterwegs waren. In den Pausen spielten wir Fußball oder machten Picknick unter irgendeinem LKW. Die Reise dauerte lange, z. B. die Fahrt von Frankfurt/Main nach Łódź, die normalerweise 11 Stunden dauert, dauerte bei uns drei Tage länger. Ähnliche Schikanen gab es von der polnischen Seite, insbesondere während des Kriegsrechts, als die DDR-Zöllner etwas nachgelassen haben, da sie wussten, dass die Polen schärfer kontrollieren würden.

Die Arbeit war wirklich nicht einfach, wovon ich für die „Kultura“ geschrieben habe. Es war wohl 1983 als Giedroyć nach Frankfurt zur Buchmesse kam und wir uns dort trafen. Er bat mich, etwas über die Transporte zu schreiben. So habe ich aus dem Bauch heraus, ein bisschen emotional geschrieben, was man so denkt und empfindet, dass uns eigentlich niemand verstehen kann, da selbst die Polen sich höchstwahrscheinlich vorstellen, dass es eine große Institution in einem großen, modernen Hochhaus mit Lagerräumen gibt, die alle Formalitäten erledigt. Die Wahrheit sieht so aus, dass es sich um eine spontane und provisorische Aktion handelte, die dennoch funktionierte.

Die polnische Presse berichtete nicht über uns, mit Ausnahme von Łódź, wo die lokale Presse informierte, dass ich mit einem Transport angekommen war. Während des Kriegsrechts erschien einmal eine Schmähschrift in „Kurier Pomorski“ oder „Kurier Szczecinski“, die behauptete, dass ein gewisser Dr. Graef – so stand es dort, auch meine Adresse in Frankfurt wurde genannt – Pakete nach Pommern schickt, die Kot, schmutzige Windeln und Steine enthalten, diese „Nachricht“ veröffentlichten dann auch zahlreiche kleinere Redaktionen, in Zielona Góra und woanders. Auf einmal erhielt ich anonyme Briefe aus Polen, in denen man mich des Revanchismus beschuldigte und mich aufforderte, mir den Kopf mit den Steinen aus den Paketen zu zerschlagen.

Damals kam ich nicht auf die Idee, dass es die Arbeit des polnischen Sicherheitsdienstes war, woher konnte ich es auch wissen? Jemand aus Polen schickte mir diesen Artikel zu und als ich zum wiederholten Male bei dem polnischen Konsulat vorsprach, da man mir das Einreisevisum nach Polen und das Transitvisum durch die DDR verweigerte, zeigte ich ihn dem damaligen Konsul. Er war selbstverständlich linientreu, als ich ihn fragte, warum mir das Visum verweigert wurde, sagte er, dass das Problem meine Zusammenarbeit mit der Gesellschaft für Menschenrechte sei, da sie politisch gesehen rechts stehe, wodurch auch meine Person in Frage gestellt werde. Darauf brach ich in Tränen aus, zeigte ihm die anonymen Briefe aus Polen und sagte: „Sehen sie, Sie haben mir gegenüber diese Meinung und außerdem schreiben Leute solche anonymen Briefe an mich.“ Ich überließ ihm die Briefe und bat um spätere Rückgabe, die er mir zusicherte, ich erhielt sie allerdings nie zurück. Später erschien in der „Trybuna Ludu“ ein Artikel unter dem Titel „Schmutzige Arbeit“, der auf eine perfide und primitive, d. h. linientreue Art die Angelegenheit kommentierte.

Ich hatte aber auch angenehme Augenblicke, im Westen wurde ich durch den Internationalen Frauenklub 1983 oder 1984 zu „Frau des Jahres“ gekürt und erhielt 5.000 Dollar Preisgeld, wofür ich für das Krankenhaus in Łódź ein elektrisches Operationsmesser und andere Sachen kaufte. In Polen erhielt ich den Titel der Ehrenbürgerin der Stadt Łódź.

Ihr seid satt und hier ist die Kultur

Das Kriegsrecht war furchtbar. Interessant ist auch die Geschichte, wie wir einmal nach Danzig kamen. Ich wusste nicht, ob man ein Extra-Visum oder eine besondere Erlaubnis für diese Stadt brauchte. Zuerst waren wir in Warszawa, danach fuhren wir nach Malbork, wo ich Messwein für die Pfarrer und noch einiges mehr ablieferte. Es war Anfang Februar, sechs Wochen nach der Einführung des Kriegsrechts, je paar Kilometer standen Militärposten, ich erinnere mich an die Eimer mit brennendem Koks. Man hielt uns an und sagte: „Ihr dürft nicht weiter fahren, wir sind aber nicht so unangenehm, wenn ihr wollt, könnt ihr fahren, aber der Kollege, der 10 Kilometer weiter steht wird euch sicherlich nicht durchlassen.“ So sind wir von einem Kollegen zum nächsten, durch alle Posten gefahren und kamen nach Malbork. Dort bat ich den Pfarrer, dem ich den Messwein gebracht hatte, die Polizei oder wen auch immer anzurufen und Bescheid zu sagen, dass wir mit einem Hilfsmitteltransport unterwegs sind und dass man uns nicht schikanieren soll, sodass wir einige Kilometer freie Fahrt haben können. Es war ihm wohl gelungen, da wir von jedem einzelnen Kontrollposten unterwegs nach Danzig begrüßt wurden.

Politik und Schmuggelwaren kamen während des Kriegsrechts dazu, die ganzen Medikamente und andere Sachen dienten nur als Deckmantel. Wir hatten bereits viele verschiedene Kontakte, kannten uns besser aus und wenn entweder meine Journalisten oder ich irgendetwas zur Übergabe hatten, wussten wir wie es gemacht werden sollte. In Warszawa kamen wir u. a. in Kuratowska Str. oder zum Hilfspunkt bei dem Episkopat unter der Leitung von Hanka (Hanna Kassyanowicz-Pawłowicz, Anm. des Übersetzers) an, danach ging es zu Pfarrer Niedzielak. Wir schmuggelten Farben, Siebdruck, Papier, Radioempfänger und -Sender, auch illegale Presse und Briefe. Wir suchten nach verschiedenen Möglichkeiten, um Sachen zu schmuggeln: wir hatten z. B. einen doppelten Tank, unten waren Farben, oben Diesel, wenn jemand uns genau beobachtet hätte, hätte er gesehen, dass wir je 100 Kilometer anhalten, um den Tank nachzufüllen, und hätte sofort gewusst, dass hier etwas nicht stimmte. Wir hatten sogar Pläne des Zollamtes und wussten, wo gesucht wird und wo etwas versteckt werden konnte. Uns wurde dennoch angst und bange als die Sitze auseinandergeschraubt und aus den LKWs rausgeholt wurden.

Einmal fuhren wir über Travemünde und Swinoujscie, wo uns die Polen den ganzen Tag lang kontrollierten – uns und den Transport, sie überprüften unsere Namen, dabei stand ich selbstverständlich auf der Schwarzen Liste. Wir hatten gerade viele Radiosender mit. Einer der Zöllner, vielleicht war es doch noch ein normaler Mensch, machte Witze: „Sie haben so viel Messwein mit, vielleicht können wir etwas davon trinken?“. Ich antwortete: „Sehr gerne!“ und setzte mich zu den Zöllnern, um gemeinsam mit ihnen Messwein zu trinken. Es vergingen viele Stunden bis die Erlaubnis von irgendeinem Leutnant oder General kam und wir weiterfahren durften. In Warszawa angekommen luden wir die Radiosender aus, danach konnte das Radio Solidarność überall gehört werden.

Es war schade, mit leeren LKWs nach Deutschland zurückzufahren, so kamen wir mit Hania auf die Idee, Bilder zu schmuggeln. Es entwickelte sich zu einer großen Hilfsaktion für die oppositionellen polnischen Künstler, wir veranstalteten in Deutschland Ausstellungen mit Verkauf von Bildern. Wir gründeten in Deutschland die Vereinigung „Syrena“, um es legal machen zu können. Auch „Syrena“ war keine Organisation mit Büro in einem Hochhaus, es war einfach ein lockerer, spontaner Bund toller Leute aus verschiedenen, entfernten Städten: Berlin, Hamburg, Frankfurt, Köln, Marburg … Darunter waren Priester, Journalisten, Künstler, sogar Polizisten, d. h. eine Gruppe wahrer Freunde, die sich durch diese Konvois nach Polen kennengelernt haben, die für uns jedes Mal wie eine Reise nach Alaska waren.

In einigen Jahren, bis 1986 oder 1987 haben wir fast 600 Bilder über die Grenze gebracht, wir machten 16 Ausstellungen in verschiedenen deutschen Städten. Ich schrieb darüber kürzlich für das Zentrum Karta in Warszawa. Die Aktion betraf 70 polnische Maler und Grafiker, hauptsächlich aus Warszawa aber auch aus anderen Städten Polens. Ich habe einige von ihnen kennengelernt und ich weiß, dass sie damals kaum Geld zum Leben hatten. Was diese Ausstellungen angeht, kann ich mich an eine besonders schöne Szene, die während einer Messe in einer evangelischen Kirche in Hamburg passierte, erinnern. Während seiner Predigt sagte der Pfarrer „Ihr seid satt und hier ist die Kultur“. Er zeigte auf die Bilder, die ein Teil unserer Ausstellung ausmachten. Er wusste, dass die Deutschen sich durch die Kunst angesprochen fühlen. Viele Arbeiten – vor allem Grafiken – wurden verkauft.

Alle Menschen in Deutschland, mit denen ich mitgearbeitet habe, die mit mir in den Transporten gefahren sind und die diese Ausstellungen organisiert haben, haben sich angefreundet und treffen sich bis heute – zum Geburtstag, Namenstag oder zu einer Hochzeit. Wir fühlten uns durch diese Aktion aufgewertet und ich möchte erwähnen, dass wenn man irgendetwas im Leben erreichen möchte, das Meiste – mit Sicherheit bei den Deutschen – ausgerechnet durch die Kultur erreicht werden kann.“

Hugon Bukowski