30 Jahre nach Ausrufung des Kriegsrechts in Polen

 

Der lange Weg zur Freiheit

 

Vor 30 Jahren rollten in Polen die Panzer. Mit der Verhängung des Kriegsrechts zeigte die kommunistische Führung im Jahr 1981 noch einmal Härte gegen die Opposition. Die Rolle von General Jaruzelski, dem Oberbefehlshaber der Armee, beschäftigt bis heute das Land.

 

Von Henryk Jarczyk, ARD-Hörfunkstudio Warschau

 

Am 13. Dezember 1981 wurde der polnische Alptraum Realität. General Wojciech Jaruzelski, der Oberbefehlshaber der Armee, verfügt das Kriegsrecht. Überall im Land stehen Panzer auf den Straßen. Die Grundrechte werden massiv eingeschränkt, Telefon und Telexleitungen gekappt, es herrscht Ausgangssperre.

 

Alles geschehe um Polen vor dem Untergang zu retten, erklärt General Jaruzelski. Die Polen hätten die Wahl: entweder könnten sie das Kriegsrecht akzeptieren – oder den Einmarsch der sowjetischen Armee befürchten.

  • Jahresrückblick 1981 – Kriegsrecht in Polen
    10.11.2010

 

Dabei hatte alles so verheißungsvoll begonnen. Nur 16 Monate zuvor – im August 1980 – gelingt es den unter anderem in der Danziger Werft streikenden Arbeitern das Regime zu weitgehenden Zugeständnissen zu bewegen. Was niemand für möglich gehalten hatte, ist nach einem rund drei Wochen langen landesweiten Arbeitskampf endlich erreicht: Der 31. August 1980 geht in die Geschichte ein. Um Punkt 17.00 Uhr unterzeichnet Arbeiterführer Lech Walesa mit Regierungsvertretern ein bis dahin in einem Ostblockstaat einmaliges Abkommen.

Wojciech Jaruzelski verkündet die Verhängung des Kriegsrechts.

 

Der wichtigste Punkt der Vereinbarungen: In Polen wird die Gründung einer unabhängigen Gewerkschaft zugelassen. Ihr Name ist längst in aller Munde: Solidarnosc. Die Mitgliederzahl steigt auf knapp 10 Millionen. Dazu zählen – was für die folgenden Jahre von großer Bedeutung sein wird – nicht nur Arbeiter und Angestellte sondern auch polnische Intellektuelle. Sie sind die eigentlichen Vordenker einer Bewegung die binnen kürzester Frist alle gesellschaftlichen Schichten erreicht und für das kommunistische Regime zum ernsthaften Problem wird. Die Parteiführung reagiert zunehmend nervös. Als alle Versuche die Gewerkschaft Solidarnosc mit Parteitreuen Genossen zu unterwandern scheiterten, wird das Innenministerium beauftragt den Plan „SW” auszuarbeiten. Eine Abkürzung für Stan Wojenny – das Kriegsrecht. Tausende werden verhaftet. Darunter auch Arbeiterführer Lech Walesa: „Es war ein Kampf auf Leben und Tod. Es war der Kampf um ein freies Polen.”

 

Rund 300 Studenten, Professoren und Angestellte der polnischen Akademie der Wissenschaft und der Universität in Warschau werden verhaftet (Archivfoto vom 15.12.1981). Der im Dezember 1981 eingeführte Ausnahmezustand dauert knapp zwei Jahre. Es ist das dunkelste Kapitel polnischer Geschichte unter den Kommunisten. Die Bürger lassen sich dennoch nicht einschüchtern. Mit Hilfe der Solidarnosc-Bewegung wird das Regime zum Einlenken gezwungen. Das gesamte System gerät ins wanken. Ab da ist das Ende der Kommunisten-Herrschaft nur noch eine Frage der Zeit.

 

General Jaruzelski macht mit, diesmal hat er keine Alternative. Jahre später wird er wegen seiner Entscheidung das Kriegsrecht einzuführen, angeklagt. Der Prozess dauert bis heute an. Und der General bedauert: „Mir war klar, dass mich das bis zum Ende meines Lebens belasten wird. Aber ich bedauere diese Entscheidung nicht. Was ich aber bedauere ist, dass in dieser Zeit so viel Unrecht und Leid geschehen ist. Und dafür entschuldige ich mich ja ständig.”

 

So wie in diesen Tagen. Aber die Angehörigen der Opfer, vor allem jener, die ums Leben gekommen sind, halten das Ganze für leere Floskeln.

 

http://www.tagesschau.de/ausland/polenkriegsrecht100.html